(22.6.2011)

Schweineschnauze.

Der Waadtländer Wurstverband (Association Charcuterie Vaudoise IGP) reichte am 23.12.2004 beim Bundesamt für Landwirtschaft ein Gesuch ein, wonach ins Pflichtenheft einer "Waadtländer Saucisson mit geschützter Herkunfts-Bezeichnung" geschrieben werde, sie dürfe auch Schweineschnauze (frz.: museau de porc) enthalten.

Das Bundesamt lehnte das Ansinnen 30 Monate später ab, dies auf Anraten der zuvor konsultierten 14-köpfigen Eidgenössischen Kommission für Ursprungsbezeichnungen und geografische Angaben. Der Wurstverband zerrte die für einen Laien nicht eben appetitliche Rechtsfrage vor das Bundesverwaltungsgericht in Bern, das sich 18 Monate später der Meinung der Vorinstanz anschloss. Das schliesslich angerufene Bundesgericht in Lausanne entschied nochmals 12 Monate später in einer 5er-Besetzung, die Schweineschnauze habe definitiv aussen vor zu bleiben. Der publizierte Endentscheid umfasst (als "Auszug aus den Erwägungen") 10 gedruckte Seiten (BGE 137 II 152).

Das ganze Verfahren zog sich über sechs Jahre hin. Allein solche Behandlungszeiten vor den Verwaltungs- und Gerichts-Instanzen mögen den einen oder anderen zum Vegetarier bekehrt haben. Tant de bruit pour un saucisson.

(12.4.2010)

Sozialkompetenz.

Die Schul-, Präventions- und Ernährungsexperten haben sich den "Pausenznüni" vorgeknöpft. Viele Kinder sind zu dick, futtern Cola und Chips statt Gurkenscheiben und Hahnenwasser. Die rührigen Experten haben jetzt herausgefunden, dass gesunde Ernährung gemäss ihren Empfehlungen durchaus positive Auswirkungen zeitigt. «Im Luzerner sowie Nid- und Obwaldner Projekt "Znüni-Märt", das unter dem Motto "gluschtig, xond, frisch" propagiert wird, soll die Einnahme von Knäckebrot und Kohlrabi laut Unterlagen sogar die Sozialkompetenz stärken, das Verantwortungsbewusstein und Problemlösungsverhalten vertiefen. So ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Pausenapfel auch als probates Mittel in der Suizidprävention gepriesen wird.» (NZZ, 12.4.2010, S.83)

Wenn dem so ist: Wir hatten auch schon Geschäftspartner, denen eine gehörige Portion Knäckebrot mit aufgelegten rohen Kohlrabi-Scheiben, rechtzeitig gekredenzt, wohl bekommen wäre.

(26.1.2010)

Pädagogische Sprachkonstrukte.

Aus einer von der HFH (Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich) akzeptierten Abschlussarbeit über die Gestaltung einer Kindergartenstunde:

Durch die aktive Teilnahme des Kindes an eigenen Lernprozessen können innere Prozesse offengelegt werden, was eine wirksame individuelle Förderung erst ermöglicht und daher heilpädagogisch relevant ist. Um dem übergeordneten Ziel nachzukommen wird der Schwerpunkt der Lektion gemäss dem Kindergartenlehrplan im Bildungsbereich "Sprache und Kommunikation" in Verknüpfung mit dem Bereich "Identität, Soziales und Werte" verfolgt. Die Klassenschwerpunkte "Umgang mit Menschen" und "Umgang mit Anforderungen" werden auf diese Weise verbunden. Diese Verbindung impliziert auch die Bedeutung der "Interaktion".

Bis hierher alles klar. Und wie geht die Kindergärtnerin nun mit ihren Schützlingen um?

Sie wendet an:
- das Modelling
- das Coaching
- das Scaffolding
- das Fading

Und weiter:

Da die Lernprozesse der Kinder im Zentrum des Unterrichts stehen, werden diese als Ausgangslage der didaktisch-methodischen Konzeption angesehen. Dies gründet auf einem kognitiv-konstruktivistischen Lernverständnis. ... Im Vordergrund steht die enaktive Repräsentationsebene, wobei die Verknüpfung mit der ikonischen und symbolischen Ebene nicht ausgeschlossen ist.

Man muss sich das auf der Zunge vergehen lassen. Wir wären gerne nochmals so jung, dass wir in den Genuss eines solch wissenschaftlich durchdachten Kindergartens kämen. Hätte es damals die HFH schon gegeben, hätten wir nicht nur Blumenblätter ausgezupft und mit Lego Bauernhöfe zusammengebaut, und es wäre aus uns auch etwas Gescheites geworden.

(12.1.2010)

Freiheit.

Das Haus der Kunst in München zeigte eine Werkschau des chinesischen Künstlers Ai Weiwei mit dem Titel "So sorry". Er hat sich in seiner Heimat unbeliebt gemacht, weil er öffentlich für freie Meinungsäusserung auftritt. Im Dezember 2009 demonstrierte er wieder (als einer von ganz wenigen) vor dem Gerichtsgebäude, in dem der Bürgerrechtler Liu Xiaobo zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er sich für mehr Demokratie in seinem Land eingesetzt hatte. Ai Weiwei verwendet alle möglichen Materialien für seine Werke und erzielt überraschende Wirkung. Einen ganzen Raum hat er mit Treibgut aus alten verwitterten Baumstümpfen gefüllt und die Wand dahinter mit Portraits von 1000 chinesischen Jugendlichen beklebt. Er sammelt auch Holz aus (im Rahmen der Modernisierung Chinas) achtlos niedergerissenen, Jahrhunderte alten Tempeln und baut daraus neue Objekte, die berühren.

Beim Eingang der Ausstellung findet sich eine Tafel mit der Inschrift: "Ein Land, das die Wahrheit ablehnt, sich gegen Veränderung sperrt und den Geist der Freiheit entbehrt, ist hoffnungslos. Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht des Lebens, Meinungsfreiheit und Verstehen sind die Grundpfeiler der Zivilisation. Redefreiheit ist nur ein Teil des Geistes der Freiheit – sie ist einer der Werte des Lebens, die Quintessenz unserer natürlichen Rechte. Ohne Redefreiheit gibt es keine Moderne, nur eine barbarische Welt."

(11.8.2009)

Les mineurs.

Ein kantonaler Rechtsdienst erhielt folgendes Schreiben aus der Romandie:

Sehr geehrte Frau, Herr, Studentin Recht auf die Universität von X. arbeite ich gegenwärtig meine Denkschrift aus: Die Vermittlung im Strafrecht der Bergarbeiter. Ich habe bald beendet. Aber ich habe ein Problem weil das eine Neuheit ist. Ich finde keine Gesetze, die ich notwendig bin. Also, können Sie mir die Gesetze Ihres Kantons weitergeben, der die Vermittlung im Strafrecht der Bergarbeiter betrifft? Vielen Dank! Herzliche Begrüssungen.

Der angesprochene Rechtsdienst antwortete wie folgt:

Ihre Anfrage zur "Vermittlung im Strafrecht der Bergarbeiter" ist leider ziemlich unklar. Erstens ist die Vermittlung ein Institut des Zivilrechts und nicht des Strafrechts. Zweitens gibt es in unserem Kanton (und wahrscheinlich auch in anderen Kantonen) kein eigenes Strafrecht für Bergarbeiter. In diesem Sinne existiert das von Ihnen gesuchte Gesetz nicht. Falls wir Sie jedoch missverstanden haben, laden wir Sie ein, Ihre Frage neu zu formulieren, gerne auch auf Französisch.

Nach telephonischer Rücksprache ergab sich folgende interne Aktennotiz:

Die Anfrage zur "Vermittlung im Strafrecht der Bergarbeiter" hat sich inzwischen als Frage zur "Mediation im Jugendstrafrecht" entpuppt. (Da muss man erst einmal drauf kommen.) Ich habe die Dame dahingehend informiert, dass gemäss Art. .. der Strafprozessordnung der Regierungsrat zuständig ist, das genannte Mediationsverfahren vorläufig in einem Reglement zu ordnen, dieser aber bis heute noch kein solches Reglement erlassen hat.

(14.7.2009)

Orden.

In der Schweiz ist allen eidgenössischen Behörden-Mitgliedern die Annahme von Titeln und Orden ausländischer Behörden untersagt. Inländische Orden und Adelstitel gibt es keine. Der Wunsch nach offizieller Auszeichnung ist aber alt. Als Napoleon im Oktober 1808 in Erfurt weilte, zeichnete er Goethe mit dem Orden der französischen Ehrenlegion aus (der ebenfalls anwesende Zar Alexander zog mit dem St.-Annen-Orden nach). Napoleon hatte zwei Jahre zuvor bei Jena und Auerstaedt die Deutschen entscheidend geschlagen. Fünf Jahre später (1813) hatte sich das Kriegsglück gewendet; Napoleon musste sich vor den anrückenden Russen und Oesterreichern zurückziehen, die in Weimar einzogen und unter anderem Goethes Wohnhaus requirierten. 24 hungrige Soldaten soll er dort täglich am Tisch gehabt haben; seine Frau "versicherte, das koste 2-300 Taler, und der Koch hätte ihr noch gesagt, dass sie sehr geizig wäre." Goethe trug immer noch den Orden der französischen Ehrenlegion auf der Brust, was ihm verständlicherweise Beschimpfungen eintrug. Sein Freund Wilhelm von Humboldt berichtet dazu:

"Heute früh hat er mich ernsthaft konsultiert, was er tragen solle; man könne doch einen Orden, durch den einen ein Kaiser ausgezeichnet hat, nicht ablegen, weil er eine Schlacht verloren habe. Ich dacht bei mir, dass es freilich schlimm ist, wenn man für das Ablegen der Legion keine besseren Gründe hat, und wollte ihm eben einen guten Rat geben, als er mich bat, zu machen, dass er einen österreichischen Orden bekäme. Es ist närrisch, dass wir immer dazu bestimmt sind, dass die Leute uns in das Vertrauen ihrer kleinen Schwachheiten setzen. Die Goetheschen tun mir um so mehr leid, als er äusserst gut und freundschaftlich mit mir ist." (zitiert nach Oellers/Steegers: Weimar, Reclam-Verlag 2009, S. 254).

Wir Schweizer sind hier auf der sicheren Seite, wenn wir uns die Orden nötigenfalls selber verleihen, wie Mani Matter in seinem Lied Dynamit über den Attentäter auf der Bundeshausterrasse berichtet: "Und i ha mir a däm Abe im Bett en Orde zuegsproche für my ganz allei".